Nils Goldschmidt
16 Seiten · 5,09 EUR
(Juni 2010)
Aus der Einleitung:
„Es ist eine handgreifliche Wahrheit, daß die Krisis unserer Gesellschaft mit der Krisis des Liberalismus zusammenfällt.“ (Röpke 1947, 8) Aus heutiger Sicht fällt es nicht leicht, Wilhelm Röpkes Kulturdiagnose, die zugleich immer auch eine Zeitdiagnose war, angemessen zu würdigen. Das Unbehagen an der Moderne, die beobachtete Krise der Gegenwart, bedeutete für ihn nicht nur den Verfall einer bestehenden einzelnen Gesellschaftsordnung, sondern den Verfall der abendländischen Kultur insgesamt und damit des europäischen, liberalen Gesellschaftsmodells. Dieser weitreichende Kulturpessimismus, der seine Schriften prägt und der in seinen späteren Arbeiten immer deutlicher hervorgetreten ist, wirkt heute befremdlich und erhält in Röpkes Gegenforderung nach einer „Nobilitas naturalis“ – der Herrschaft einer letztlich aristokratischen Elite – einen fahlen, geradewegs anti-demokratischen Beigeschmack. Und dennoch – seine sorgfältige Betrachtung und sein umfassendes, auch historisches Verständnis gesellschaftlicher Prozesse ist aus heutiger Sicht bemerkenswert und lenkt den Blick des Ökonomen auf Bedingungen des wirtschaftlichen Handelns, die jenseits von Angebot und Nachfrage liegen. Die engen Verbindungslinien, die Röpke zwischen Liberalismus und Kultur, zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlichen Voraussetzungen knüpfte, scheinen heute in der Diskussion um wirtschaftliche Transformationsprozesse und um die Schwierigkeiten der Implementierung marktlicher Institutionen in andere als die westlichen Kulturtraditionen unvermittelt wieder auf. Die Forderungen nach einer „kulturellen Ökonomik“, die in den verschiedenen Subdisziplinen der Wirtschaftswissenschaft laut werden, sind ein untrügliches Signal für die Aktualität Röpkes als Vordenker eines „cultural turn“ auch in der Ökonomik. Gemeinsam mit Alexander Rüstow ist Röpke der Gewährsmann einer neoliberalen Variante, die mehr als eine Theorie freier, wohlgeordneter Märkte, nämlich zugleich auch eine Theorie freier, wohlgeordneter Gesellschaften sein will.
Im Folgenden soll Röpkes Kulturverständnis für sein Werk nachgezeichnet werden. Hierfür werde ich in drei Schritten vorgehen: Zunächst wird die hohe Bedeutung, die er den gesellschaftlichen Strukturen für die wirtschaftliche Entwicklung zuerkennt, herausgearbeitet (Abschnitt 2). Anschließend werden diese Überlegungen verknüpft mit seinen Vorstellungen eines unvergänglichen Liberalismus als abendländisches Kulturideal (Abschnitt 3). In einem letzten inhaltlichen Schritt wird dann gezeigt, dass sich bei Röpke neben seiner Apologie der abendländischen Kultur durchaus Ansätze zu einer kultursensitiven Sicht anderer Regionen finden lassen (Abschnitt 4). Es ist gerade dieser „andere Röpke“, der ihn auch für eine heutige kulturelle Ökonomik so wertvoll macht.